Düstere Vergangenheit vergegenwärtigt

TV-Moderatorin und Autorin Bärbel Schäfer liest vor Gymnasiasten aus ihrem Buch „Meine Nachmittage mit Eva“

Januar in Auschwitz. Sie war fast drei Monate hier, als der russische Soldat die Baracke betrat. Er beugte sich mit seinem Ohr ganz nah an Evas Mund. Spürte ihren Atem. Das Kind lebte. Was jedoch hatte in der Hölle „Leben“, was hatte „Überleben“ für das jüdische Mädchen aus Budapest bedeutet? Die Autorin brachte aus ihrem Buch Textpassagen zu Gehör, die sich bei den vor allem jugendlichen Zuhörern wohl augenblicklich in Kopfkino verwandelten. Bis zur letzten Reihe war der Kulturhaussaal am Montagvormittag gefüllt, doch ohne Weiteres hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Stille, ungeteilte Aufmerksamkeit, Anrührung.

 

Eva erzählt von ihrem Trauma, Bärbel recherchiert in der eigenen Familie Schuld und Schweigen

Lange hat jene Eva, von der im obigen Zitat die Rede ist, über Auschwitz gar nicht reden können. Erst nach 50 Jahren brach allmählich der Bann, erst dann dachte sie auch daran, die eigene Erfahrung des Unfassbaren für die Nachwelt niederzuschreiben, erklärte Bärbel Schäfer eingangs. Erwachen sollte das beabsichtigte Buch endlich aus der Begegnung von Eva Szepesi und der Autorin, der Journalistin und bekannten TV- und Radiomoderatorin. Die beiden in Frankfurt a. M. beheimateten Frauen, die Mutter und Tochter sein könnten, öffneten sich ihre Herzen gegenseitig, sind Freundinnen geworden. In „Meine Nachmittage mit Eva“ lässt Schäfer wohl eine der letzten Zeitzeugen des Holocaust zu Wort kommen, gibt wieder, woran sich die mittlerweile über Achtzigjährige erinnert und was sich ihr –  so unauslöschlich wie die Häftlingsnummer am Unterarm – ins Gedächtnis eingebrannt hat: die unvorstellbare Kälte, in der die Finger erfroren, der schmerzhaft quälende Hunger, der eine harte Brotrinde zum kostbarsten „Schatz“ erhob, die blutrünstigen Hunde, die an der Seite der KZ-Aufseher zu Tötungsmaschinen abgerichtet worden waren. Noch heute wird Eva von Todesangst gepackt, wenn ihr ein großer Hund zu nahe kommt. Doch ist es letztlich nicht allein Eva Szepesi, deren lebensprägende Leidenszeit die Autorin voller Empathie nachzeichnet. Die scheinbar entmenschlichte Gesellschaft des Nationalsozialismus, die all diese Opfer zuließ, ja überhaupt möglich machte, führt in ihrem Buch vielmehr auch zu spannenden Reflexionen über die eigene Familie: Warum schwiegen die nächsten Verwandten so beharrlich, was hatten sie zu verbergen? Wer war eigentlich die Großmutter, die ihre NS-Auszeichnungen, ihr Mutterkreuz, aufbewahrte und die Enkelin ohrfeigte, als diese nach dem damaligen Denken und Tun der Großeltern fragte. Das Los der ungarischen Jüdin, so einzigartig und doch so exemplarisch, versucht Schäfer mit einem schonungslosen Blick auf familiengeschichtliche Grauzonen zu bilden. Auf diese Weise zieht der dokumentarisch-philosophische Buchinhalt die Vergangenheit ins Hier und Jetzt, bewirkt die Auseinandersetzung mit dem Gegenwärtigen. Als Bärbel Schäfer die Lesestunde beendet, bleibt viel zurück bei den jungen Zuhörern, doch das ist, wie sie sagt, auch der Anspruch des Buches: Was können wir tun, um die Welt in der wir leben, demokratischer, sicherer und lebenswerter zu machen? Welchen Beitrag leisten wir selbst?

Thema der Projektwoche: Deutsch-polnische Geschichte

Die Buchlesung war von Schulleiter Denny Jahn, der auch das Auditorium begrüßte und einleitende Worte fand, sowie von den Geschichtslehrerinnen Liane Blankenburg und Katrin Salzmann organisiert worden – für die Klassen 10, 11 und 12 des Albert-Schweizer-Gymnasiums gleichsam Auftakt zu ihrer Projektwoche. Schüler der 11. werden sich in diesem Zeitraum mit Themen der deutsch-polnischen Geschichte beschäftigen, demnächst steht eine viertägige Exkursion nach Auschwitz auf dem Programm – für sie Pflicht, für Schüler der 10. und 12. Klassen fakultativ. Mitfahren wollen bislang insgesamt 58 Gymnasiasten. Aspekte der Exkursion, die Projektwoche und die Lesung werden von den Schülern abschließend in einer Ausstellung zusammengetragen. Sie soll nicht nur an der Schule präsentiert, sondern als Wanderaustellung auch ausgeliehen werden können.     

Text + Fotos: skr/rz


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