Heimatgrüße – Das Leben und Wirken des Dr. Theodor Neubauer (1890 – 1945)

Vor genau einem Jahrhundert kam der aus Ermschwerdt stammende Lehrer nach Ruhla.

Er zeigte hier neben seiner pädagogischen Tätigkeit großes politisches und gesellschaftliches Engagement und hinterließ durch sein Wirken in dem kleinen Industrieort tiefe Spuren. Der vor 130 Jahren geborene Widerstandskämpfer wurde wegen seiner antifaschistischen Denkweise vor 75 Jahren von den Nationalsozialisten ermordet. Die Ruhlaer setzten ihm im Jahr 1965 ein Denkmal, welches am heutigen Albert-Schweitzer-Gymnasium steht. Einst trug das heutige Schulnebengebäude Haus II seinen Namen.

In Ermschwerdt, nahe Witzenhausen a. d. Werra, wurde am 12. Dezember 1890 Theodor Thilo Neubauer als Sohn eines Gutsinspektors geboren. Der Gutsinspektor war seiner politischen Gesinnung nach deutschnational. Er bemühte sich entsprechend dieser Grundhaltung seine vier Kinder „gut bürgerlich“ zu erziehen. Drei der Kinder gingen den vom Vater vorgezeichneten Weg. Nur sein Sohn Theodor wollte sich nicht in die vorgeschriebenen Bahnen hineinfinden. Als die Familie um 1900 nach Erfurt übersiedelte, besuchte Theodor das königliche Gymnasium bis zum Abitur. Er zeichnete sich durch erstaunliche Leistungsfähigkeit und Willensstärke aus. Als Sinn seines Lebens empfand er schon früh das Streben, tief in alle Probleme einzudringen und den Ursachen der Erscheinungen und Prozesse auf die Spur zu kommen. Nach dem Abitur besuchte er mehrere Universitäten, ließ sich 1910 in Jena immatrikulieren – Geschichte – und promovierte mit seiner Dissertation: „Die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Stadt Erfurt vor Beginn der Reformation“. Theodor Neubauer war ein zutiefst schöpferischer Mensch. Sein Hauptinteresse galt, obwohl er auch sprachlich überaus begabt war, dem Studium der Geschichte. Das Studium sollte ihm Auskunft über den Sinn der historischen Entwicklung, über die Gesetzmäßigkeiten geben, die die gesellschaftliche Entwicklung bestimmten. In den „Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Altertumskunde von Erfurt“ veröffentlichte er bis 1918 zehn Abhandlungen über die Geschichte der Stadt. Der Inhalt seiner Schriften zeigt, dass er bereits die Wechselwirkung zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur erkannt hatte.

Nach erfolgreicher Dissertation 1913 war Ziel seines späteren Wirkungsbereiches das Lehramt für höhere Schulen in den Fächern Geschichte, Englisch, Französisch. Die Ausbildung wurde durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und seinen Einsatz an der Ostfront bis 1917 unterbrochen. Wegen einer schweren Gasvergiftung erfolgte die Entlassung aus dem Heerdienst und Abschluss des Pädagogikstudiums. Er wurde Lehrer am Lyzeum in Erfurt. Während der November-Revolution 1918 schloss er sich der Deutschen Demokratischen Partei an, trat aber nach dem Studium der Werke von Marx/Engels bald der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) bei und geißelte leidenschaftlich in Vorträgen und Abhandlungen die inhaltlichen und organisatorischen Mängel des Schulsystems. Später wechselte er zur KPD. Zu dieser Zeit hatte er schon ein eigenes Heim; seine junge Frau Hedwig, die er während des Krieges geheiratet hatte, schenkt ihm im Dezember 1918 den Sohn Hartmut. Das familiäre Glück blieb aber nicht ungetrübt, da man eine wahre Hetzjagd gegen den Lehrer Neubauer wegen seiner politischen Einstellung begann.

Als im März 1920 der Kapp-Putsch inszeniert wurde, beteiligte sich Neubauer als einziger Lehrer seiner Schule am Generalstreik, womit er seine Versetzung an eine Ruhlaer Schule auslöste. Zuvor hatten bereits seine Gegner in der Elternschaft eine Versetzung des Lehrers gefordert. Neubauer wollte sich in möglichst kurzer Zeit in der Realschule einarbeiten und legte großen Wert darauf, die von ihm unterrichteten Kinder und deren Elternhaus kennen zu lernen. Seine Ansichten und Überzeugungen wurden weder von allen Eltern noch von seinen Kollegen geteilt, die Einspruch gegen den Lehrer mit kommunistischen Ideen erhoben. Doch die Mehrheit schien ihm Recht zu geben; denn immerhin konnte er mit Hilfe des Schulrates Jacobi die erste und einzige (sozialistische) Einheitsschule in Thüringen einrichten und nahm die ersten Jugendweihen und Lebenskundestunden zu deren Vorbereitung vor.

In seiner Frau Hedwig hatte Theodor nicht nur eine treusorgende Gattin, sondern auch eine echte Kameradin und Kampfgefährtin gefunden. Sie war 1892 in Göttingen geboren worden, hatte Biologie studiert und war ebenfalls Lehrerin. Auch ihre Arbeit zählte zum politischen Leben in Ruhla. Unter ihrer Leitung entstand eine kommunistische Frauengruppe. Sie schritt an der Seite ihres Mannes. Bei der Landtagswahl 1922 zog die SPD mit 22 Abgeordneten in den Thüringer Landtag ein, 6 Kommunisten erhielten Sitz und Stimme. Neubauer war einer von ihnen. Das Forum des Landtages nutzte er zur Kritik am gesamten Bildungssystem, vor allem an der Lage der Volksschule und des Volksschullehrers, dessen Existenzminimum zu gewährleisten war. Auch die Abschaffung der Prügelstrafe in Thüringen konnte durch Neubauer durchgesetzt werden.

1922 wurde er an die Sophienschule Weimar versetzt. Leider verstarb seine Frau Hedwig bereits im Mai 1923 an den Folgen der Geburt ihrer Tochter Sonja. Aber selbst zum Trauern hatte er nicht einmal in dieser Periode von Auseinandersetzungen Zeit. Als Staatsrat für die KPD in die Arbeiterregierung Thüringens (10/1923 – 02/1924) berufen, trat er persönlich für die bewaffnete Verteidigung gegen die Reichsregierung auf und musste bald untertauchen. Zuvor hatte er aber im September 1923 Elisabeth Bischof aus Fischbach/Tabarz geheiratet, wohl auch um seine beiden kleinen Kinder in Obhut und Sicherheit zu wissen.

Mit seiner Wahl in den Reichstag 1926 und erlangter Immunität, musste das gegen ihn schwebende Verfahren niedergeschlagen werden. Als Chefredakteur der „Freiheit“ in Düsseldorf tätig, folgte ihm die Familie nach. Seine politische Tätigkeit führte ihn u. a. nach Schweden und in die Sowjetunion. 1930 wurde Neubauer für die KPD wieder in den Reichstag gewählt. Nach der Machtübernahme Hitlers 1933 und dem Reichstagsbrand ging er in die Illegalität.

Doch wurde er bereits im August 1933 in Brandenburg verhaftet und 1934 wegen Lebens unter falschem Namen zu 7 Monaten Gefängnis verurteilt, um anschließend bis 1939 in die „Schutzhaft“ der Konzentrationslager in Lichtenburg und Buchenwald genommen zu werden. Nach seiner Entlassung nach Tabarz, inzwischen Wohnsitz der Familie, genoss er die wieder erlangte Freiheit, auch wenn er sich täglich bei der Polizei melden musste.

Er fand Arbeit beim Opel-Dienst Gotha. Im November 1942 fiel sein Sohn Hartmut im Krieg, worunter er unsäglich litt. Sein Widerstand gegen das Hitler-Regime war umso ungebrochener. In Gemeinsamkeit mit Magnus Poser entstand die Basis für breite illegale Arbeit durch mündliche und schriftliche Massenagitation, Flugblätter, Kontakte mit französischen und russischen Kriegsgefangenen mit Fluchthilfe. Harmlose Spaziergänger vortäuschend, wurden Informationen ausgetauscht und Treffen zwischen Neubauer/ Poser am Meisenstein, Inselsberg und Ruhlaer Skihütte arrangiert. Dennoch waren sie im Visier der Gestapo, die noch vor dem Hitler-Attentat zuschlug.

Am 14. Juli 1944 verhaftete die Gestapo nahezu zur gleichen Zeit Theodor Neubauer und Magnus Poser. Neubauer wurde in Tabarz, Lauchagrundstr. 11, festgenommen. Die Gestapo-Schergen überwältigten den kaum von einer schweren Angina Genesenen und sich verzweifelt Wehrenden. Blutüberströmt wurde er in das bereitstehende Auto geschleppt. Im Berliner Untersuchungsgefängnis Moabit versuchte die Gestapo mit allen Mitteln, Aussagen aus ihm herauszupressen. Theodor Neubauer trotzte der Gestapo, obwohl sie ihn physisch und psychisch unsagbar quälte. Unerschrocken bekannte er sich vor den Richtern zu seiner Überzeugung. „Ich habe bisher in meinem Leben stets die Achtung vor mir selbst bewahrt und möchte bis zur letzten Konsequenz diese Achtung nicht verlieren.“ In der Morgenstunde des 5. Februar 1945 wurde Theodor Neubauer auf dem Schafott des Zuchthauses Brandenburg hingerichtet. Er ging den Weg aufrecht. Seine letzten Zeilen sind das Bekenntnis eines bewusst gelebten Lebens:

 

Als Theodor Neubauer nach Ruhla kam…

Im selben Jahr, als in Mitteldeutschland die Kleinstaaterei abgeschafft und das Land Thüringen gegründet wurde, begann der Lehrer und Doktor der Philosophie seine Tätigkeit in Ruhla. Von 1920 bis 1922 wohnte er mit seiner Frau Hedwig und Sohn Hartmut im Wohnhaus von Richard Fischer in der Knaudtstraße 18 (heute Knaudtstraße 6) im obersten Stockwerk.

Seine Unterrichtsmethodik

In dieser Zeit begann auch das Experiment mit der Einheitsschule, wofür neben anderen Städten auch Ruhla ausersehen worden war. Ein vereinheitlichter Schultyp sollte bis zum Abitur führen. Dies war auch Neubauers Ziel. Seine Unterrichtsmethodik soll bei den damaligen Schülern große Beliebtheit ausgelöst haben, so folgende Ausführung aus der Ruhlaer Ortschronik:

„Die neuen Lehrer wollten uns als Freunde entgegentreten, als Berater, Erklärer sich betätigen und nicht als Einpauker mit dem drohenden Rohrstock. Was für ein Wunder, daß die Herzen der Schüler für sie schlugen, und das Gejammere der Alten, sie seien Kommunisten und Verderber, war ihnen unverständlich und „wurscht“. Als Beispiel diene Dr. Th. Neubauer, der die französische Sprache unterrichtete auf eine Art, die uns völlig revolutionär vorkam. Die im „Pötz-Karo“ (unserem Lehrbuch) zu lernenden Sätze, z.B. „die Griechen ihre Leichen verbrannten“ und über ähnlich überwältigende Ereignisse, schienen ihm und uns ziemlich unnütz, wir lernten z.B. mit Hilfe eines Kinderladens.

Eingeteilt in Käufer und Verkäufer hatten die Schüler Kaufwünsche zu äußern und Ware anzubieten, auszuliefern und zu bezahlen. Ohne eine Menge Fehler ging das nicht ab, aber sie wurden nicht mit den gewohnten barschen Worten gerügt und mit schlechten Noten bestraft, sondern Dr. Th. Neubauer verschönte unsere holprigen Sätze, verbesserte Fehler, erklärte sie und die ganze Geschichte konnte nun noch einmal richtig von vorn beginnen. Natürlich kann man auch mit „Vokabeln“ pauken, Konjugationsreihen üben, Grammatikregeln herbeten, Sprachen erlernen“, aber keine Frage ist, wie es effektiver geschehen kann. Aber Dr. Th. Neubauer war ja Kommunist und das wog bei manchen Eltern sehr schwer. Besonderes waren es verständlicherweise die Kreise, die einst die Realschule als private Lehranstalt gegründet hatten und nun sehr besorgt waren um das Wohl der Kinder. Man kann sich nicht erinnern, daß Dr. Neubauer vor der Klasse mit propagandistischen Reden aufgetreten wäre. Er wirkte eben durch den Stil seines Unterrichts und seiner kameradschaftlichen Art und war damit seiner Zeit voraus. Deshalb mochten ihn die Schüler, die ohnehin nicht genau wußten, was Kommunismus war.“

Der Ruhlaer Arbeiterveteran und Wegbegleiter Neubauers, Karl Pascher, schrieb im Jahre 1965 folgende Zeilen:

In unserem Herzen für immer lebendig:

Der „Rote Doktor“ von Ruhla

Genosse Dr. Theo Neubauer kam im Jahre 1920 als Oberlehrer nach Ruhla. Er hatte sich in sehr kurzer Zeit durch sein einfaches und schlichtes Leben und seinen unermüdlichen Einsatz für die Einheit der Arbeiterklasse das Vertrauen der Werktätigen nicht nur in Ruhla, sondern innerhalb des ganzen Kreisgebietes erworben. Durch seine Kenntnisse in der Theorie des Marxismus und sein konsequentes Auftreten für die Interessen der Arbeiterklasse festigte er das Bewußtsein der Genossen, die in der KPD zusammengeschlossen waren. Eine feststehende Tatsache ist es, daß Ruhla damals den Namen „Kommunistische Hochburg“ nur dem unermüdlichen Wirken Theo Neubauers zu verdanken hatte.

Die Tätigkeit Neubauers in Ruhla war eine sehr vielfältige. Seine ganz besondere Liebe und Fürsorge galt den Kindern und Jugendlichen. Es war deshalb nicht verwunderlich, daß er der Organisator von Kultur-, Wander- und Sportgruppen war, und daß durch seine Mitwirkung die erste Einheitsschule ins Leben gerufen wurde. Durch seine unermüdliche Arbeit im Sinne der Einheit der Arbeiterklasse sowie seinem rücksichtslosen Kampf für den Sturz des kapitalistischen Systems zog er sich den glühenden Haß der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zu. Diese Kreise versuchten wiederholt, durch Verleumdungen den Genossen Neubauer aus dem Schuldienst zu entfernen, welches ihnen leider auch nach dem zweiten Disziplinarverfahren gelang. Diese Maßnahme konnte ihm jedoch nicht die breite Sympathie der Werktätigen nehmen. Viele von den damaligen Weggefährten und seine Schüler sind heute noch stolz auf ihre Zusammenarbeit mit Theo Neubauer.

Die Pflicht ihm über alles

Wie peinlich gewissenhaft Neubauer in seiner politischen Arbeit war, soll folgendes kurzes Beispiel dokumentieren:

In der Ortschaft Kittelsthal war an einem bestimmten Tag um 10 Uhr die Jugendweihe angesetzt. Es war dies die erste Jugendweihe, welche von der Freidenker-Ortsgruppe durchgeführt wurde. Neubauer hatte zu dieser Feierstunde das Referat übernommen. Zum festgesetzten Zeitpunkt war er jedoch nicht erschienen. Durch ein Telefonat wurde festgestellt, daß er versehentlich für 13 Uhr bestellt war. Er setzte sich sofort aufs Rad, stürzte aber während der Fahrt und zog sich eine empfindliche Beinverletzung zu. Trotzdem erreichte er 10.30 Uhr Kittelsthal, und die Jugendweihe konnte programmgemäß durchgeführt werden. Mit der ihm eigenen Energie wurde diese Jugendweihe zu einem Erlebnis für alle Anwesenden. Nachdem die Jugendweihe abgeschlossen war, brach Theo infolge seiner Verletzung ohnmächtig zusammen.

Hier wurde Theo der „Rote Doktor“

Theodor Neubauer wurde 1921 als Volksbeauftragter in die Regierung nach Weimar berufen und nahm auch zum gleichen Zeitpunkt seine Tätigkeit in der Gemeindevertretung in Ruhla auf. Der „Rote Doktor“  –  so nannten ihn die Arbeiter und Bauern vor allem in Ruhla und im Erbstromtal, weil diese es nicht gewöhnt waren, daß ein Akademiker sich ihrer Interessen annahm. Er trat auch im Landtag unermüdlich für die Interessen der Werktätigen ein und kämpfte entschieden gegen den Imperialismus.

Unerschütterlicher Glaube an den Sieg

Nach seiner vorübergehenden Entlassung 1939 hat er seine illegale Widerstandstätigkeit mit großem Mut und Energie weitergeführt. Für unseren Theo war es eine Selbstverständlichkeit, daß er die Verbindung auch mit uns in Ruhla und in der Umgebung wieder aufnahm, insbesondere mit den Genossen Oberländer aus Kittelsthal, Karl Jung aus Etterwinden und mit mir. Was mich in den langen Jahren des gemeinsamen Kampfes mit unserem Theo besonders verbunden hat, war seine Charakterfestigkeit, sein unerschütterlicher Glauben an den Sieg der Arbeiterklasse und seine Standhaftigkeit bei den Mißhandlungen im Kerker, wo kein verräterisches Wort über seine Lippen gekommen ist.

Quellen: Christa vom Schemm-Müller, Dr. med. Sigurd Scholze (Broschüre 2019
Geschichte v. Bad Tabarz), Ortschronik Ruhla, weitere textl. Einarb.: aki/rz, tk

Fotos: Ortschronik Ruhla, aki/rz, tk, Dr. Sonja Müller „Theodor Neubauer – Lebensbilder großer Pädagogen“ 1980,
Thüringer Staatsarchiv Gotha, Univeritäts- und Forschungsbibliothek Gotha-Erfurt, P. Ditter

Bild unten: Aus einer Ruhlaer Schülerzeitung der 1920er Jahre


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