Historische Momente

Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner am 21.2.1919

Der Mann ist 51 Jahre alt. Er ist bayerischer Ministerpräsident. Er geht die Promenadenstraße in München entlang, die heute nach einem Kardinal benannt ist. Er ist auf dem Weg in den Landtag. Zur konstituierenden Sitzung. Jetzt ist er auf der Höhe der Liebfrauenkirche. Schüsse fallen. Zwei Schüsse treffen ihn in den Hinterkopf. Es ist ein sonniger Vorfrühlingstag.

Heute vor genau einhundert Jahren

Er wollte seinen Rücktritt verkünden: Kurt Eisner, der in der Nacht zum achten November 1918 die Republik ausgerufen und Bayern zum Freistaat erklärt hatte (was heute noch so ist). Klar, seine Partei, die USPD (Unabhängige Sozialdemokratischen Partei Deutschlands), hat ein enttäuschendes Ergebnis bei den ersten demokratischen Landtagswahlen in Bayern erzielt: nur drei Sitze hat sie im neuen Parlament. In der provisorischen Regierung bis dato hatten USPD und MSPD gemeinsam regiert. Im provisorischen Nationalrat, wie sie es nannten. Eisner war zugleich Ministerpräsident und Außenminister. Aber nun war am zwölften Januar gewählt worden (einen zweiten Wahldurchgang gab es am zweiten Februar). Bei einer Wahlbeteiligung von 86 Prozent!

Nach nicht einmal drei Wochen also, soll an diesem Freitag die parlamentarische Arbeit beginnen. Und Eisner will zurücktreten. Der bisherige politische Partner, die klassische SPD, hat 61 Sitze im Landtag – die Bayerische Volkspartei (BVP) sogar 66: das ist zu respektieren. Bayern wird einen neuen Ministerpräsidenten bekommen, auf der Grundlage dieser Wahl.

So hätte es kommen sollen. Wenn da nicht Reserveleutnant Anton Graf von Arco auf Valley (22) auf Eisner gewartet hätte. Hasserfüllte Drohbriefe und Aufrufe zum Mord auf großen Plakaten tragen nun ihre Früchte. Arco gehört zum Umfeld der antisemitischen Thule-Gesellschaft, ist aber ausge-schlossen worden. Seine Mutter ist Jüdin. Da will er seine nationale Gesinnung zeigen. Mit der Ermordung des jüdischen Fabrikantensohnes Eisner. Max Blumtritt, Fritz Goßler, Arthur Tübel – die drei Abgeordneten der USPD – warten auf ihren Ministerpräsidenten. Stattdessen stürmt der Schankkellner Alois Lindner, Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrats, in den bayerischen Landtag und schießt den Innenminister Erhard Auer (SPD) nieder, den er als Drahtzieher vermutet. Arco-Valley wird nach fünf Jahren aus Landsberg, wo er nach Belieben ausgehen und Besuche empfangen darf, entlassen. Gibt es eine Spur, die nach Ruhla führt? Da wäre Carl Gareis, nach dem hier eine Straße benannt ist. Er war in Bayern Eisners USPD-Genosse.

Empfehlungen:

Volker Ullrich: Mord in München (DIE ZEIT, 19.2.2009, Nr. 09)

Lebendiges Museum Online: Kurt Eisner 1867-1919

Lotar Köllner: Die Ruhlaer Straßen und ihre Geschichte (Verlag + Druckerei Löhr 2004)

Es geschah vor 75 Jahren: Zum Gedenken an den 24. Februar 1944

„Februar 1944, Deutschland befindet sich schon seit über fünf Jahren im Krieg. In Ruhla ist – im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Städten – davon wenig zu spüren, wenn man davon absieht, dass dann und wann Fliegeralarm ausgelöst wird und man kurze Zeit später kleine silbrig schimmernde Wölkchen am Himmel sehen kann, die Bulks der anfliegenden alliierten Bomberverbände. Das Brummen der Motoren ist nur leise zu hören, denn die Flieger befinden sich zumeist in einer Höhe von 7000 bis 9000 m. Man kann das alles also in aller Ruhe vom Boden aus beobachten – so auch am 24.2.1944. Es ist der Donnerstag der „Big Week“, der großen Woche, in der die Alliierten der deutschen Flugzeugindustrie einen entscheidenden Schlag versetzen wollten.

Der 24.2. ist ein schöner sonniger Wintertag, die Feindverbände sind gegen 8.30 Uhr in Südostengland gestartet, treffen gegen Mittag hier ein und sind im Anflug auf Gotha, wo sie die dortigen Flugzeugfabriken zerstören sollen. Alle Hausbewohner stehen im Garten und genießen die Frühlingssonne, mein Vater beobachtet das Geschehen am Himmel mit dem Fernglas, das sich schnell zu einem heftigen Luftkampf zwischen deutschen Jagdflugzeugen und dem alliierten Bomberverband entwickelt. Wenig später ist klar, dass ein feindliches Flugzeug getroffen wurde, aus dem Verband ausschert und zunächst einmal aus dem Gesichtsfeld verschwindet. Es ist, wie sich später herausstellen wird, eine Liberator B 24 mit der Werknummer 42-100102, die „Texas Refugees“, die von 2./Lt. Thomas J.Cox und seiner neunköpfigen Crew geflogen wird.

Bis dahin konnte ich alles mitverfolgen, aber den eigentlichen Absturz des Bombers habe ich verpasst! Allerdings kann ich beobachten, dass über dem Dornsenberg mehrere Fallschirme niedergehen. Einige Besatzungsmitglieder haben offenbar das getroffene Flugzeug verlassen können. Nun tritt für mich als Beobachter wieder etwas Ruhe ein, bis am Dornsenberg eine ausgedehnte Feuerwand aufflammt als Zeichen dafür, dass hier das Flugzeug zu Boden gegangen ist.

Kurze Zeit später erfolgt eine heftige Explosion; das Feuer hat offensichtlich die für Gotha bestimmte Bombenlast erwischt! Dann tritt endgültig Ruhe ein, denn eine Besichtigung der Absturzstelle verbiete sich zu diesem Zeitpunkt von selbst!

Das wird nachgeholt am kommenden Wochenende, woselbst auch die durch den Absturz  verursachten Schäden in ihrer Gesamtheit in Augenschein genommen werden können. Das verbliebene Wrack selbst beeindruckt wenig, umso mehr aber zwei auf der Wiesenfläche liegende  walzenförmige Gebilde, die für mich als siebenjährigen Zwerg wahrhaft riesig erscheinen. Es sind zwei der vier Triebwerke des Flugzeugs. Den Ort der Explosion bezeichnet ein tiefer trichterförmiger Krater, auf dessen Grund eine fellgefütterte Fliegerhaube liegt, mit dunklen Blutflecken übersät! Bemerkenswerterweise hat sich ein Stück der Tragfläche auf zwei dünne Fichtenstämme aufgespießt. Das viel verbeulte Blech des Rumpfs hat jedoch keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.

Interessant wird es dann wieder unten in der Karolinenstraße beim Haus der Familie Wahl. Auch hier ist eine wahre Wallfahrt zugange, denn die Wucht der Explosion hat ein Flugzeugteil wahrscheinlich das Bugrad, über zwei Straßen hinweg bis in deren kleines Gärtchen befördert und  man möchte fast sagen „hineingelegt“, so dass trotz der Enge nichts beschädigt wurde. Schaden genommen haben nur die kleinen Blumenrabatten durch die Füße der vielen Schaulustigen.

Abgesehen von vielen kaputten Fensterscheiben ist Ruhla also sehr glimpflig davon gekommen. Oberfeldwebel Franz Steiner aus Wasungen, der den  amerikanischen Bomber schließlich abgeschossen hat, meinte jedenfalls, dass Ruhla um ein Haar einer Katastrophe entgangen ist.“

Text: G. Köllner


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