Scheue Streuner gehören nicht ins Tierheim

Problem verwilderter Katzenpopulation beschäftigt Gemeinde, Tierheim und Tierärztin

Das Problem ist scheu, oft krank und vermehrt sich rasant. Herrenlose Katzen leben überall und stammen fast alle von unkastrierten Hauskatzen ab, die Freigang genießen. Um die Streuner kümmern sich tierliebe Menschen, die sie füttern und notfalls zum Tierarzt bringen. Kastration ist die einzige Lösung, dem Problem zu begegnen, Tierleid zu mindern und Kosten zu sparen, sind sich Nicole Fritsche vom Ruhlaer Ordnungsamt, Tierärztin Corinett Gössel und Tierheimleiterin Kerstin Wolf einig und appellieren an das Verantwortungsbewusstsein der Tierhalter. „Verwilderte Katzen ins Tierheim zu bringen ist kein Tierschutz, sondern grenzt an Tierquälerei“, mahnt die Tierheimleiterin aus gegebenem Anlass. Derzeit sitzen zwei verwilderte Katzenkinder aus Ruhla in der Quarantänestation des Tierheims und warten auf Vermittlung, bisher vergeblich.

Die beiden zuckersüßen, kerngesunden Katzenkinder tragen die Namen Rudi und Rita, doch darauf hätten sie wohl sehr gut verzichten können. Fauchend und ängstlich beobachten sie das für sie sonderbare Geschehen im Tierheim und fühlen sich einsam. Ende Juli wurden sie von einem Hofbesitzer in Ruhla eingefangen und ins Tierheim gebracht. Kerstin Wolf mutmaßt, dass Rudi`s und Rita`s Mutter ganz in der Nähe gewesen sein muss, denn die Samtpfötchen seien in einem ausgezeichneten Zustand. Der Kontakt zu Menschen ist ihnen jedoch fremd. „Am besten wäre es gewesen, die verwilderten Tiere zu kastrieren und wieder am Fundort freizulassen. Sie leiden sehr in Gefangenschaft, es sind keine Stubentiger und sie kosten der Stadtverwaltung – ergo dem Steuerzahler – jeden Tag Geld für die Unterbringung“, zählt Wolf weiter auf. Für abgegebene Fundtiere kommt nämlich die Gemeinde auf. Handelt es sich dabei um entlaufene Hunde oder zahme Hauskatzen, ist dies auch gerechtfertigt. Bei der Abgabe ungezähmter Katzen sei jedoch niemandem geholfen: die Tiere leiden unter Gefangenschaft, das Heim gelangt an Kapazitätsgrenzen und die Kosten explodieren, schildert auch Nicole Fritsche vom Ordnungsamt Ruhla, die sich um solche Fälle kümmert. „Wir sind kein Zoo, scheue Tiere haben wir zu Hauf im Heim, ihre Vermittlungschance ist erfahrungsgemäß gering.“

Kerstin Wolf ist aufgebracht, denn der Finder wollte sie unter keinen Umständen wieder mitnehmen und in ihrem angestammten Revier freilassen. Rudi und Rita sind mittlerweile gechipt, geimpft und kastriert. Wolf befürchtet, dass sie ein Leben in Gefangenschaft fristen müssen, wenn sich niemand findet, der sie aufnimmt und ihnen die Freiheit zurückgibt. „Wir hoffen, auf diesem Weg einen Tierfreund zu finden, der den beiden eine Scheune oder offene Waschküche bieten kann, bestenfalls in Ruhla“, erklärt Wolf.

Pro und Contra

der Katzenschutzverordnung

Die 87 Plätze für Katzen sind im Tierheim fast immer alle belegt. Unkastrierte Freigänger produzieren nämlich Leid am laufenden Band, nicht nur im Wartburgkreis und Eisenach. Gerd Fischer, Vorsitzender des Tierschutzvereins Eisenach, verdeutlicht die Brisanz der Populationssteigerung: „In nur einer Nacht kann ein Kater bis zu 30 Katzen begatten. Je Wurf sind durchschnittlich 4 bis 6 Katzenwelpen zu erwarten, zwei bis drei Würfe sind pro Jahr realistisch. Jeder kann sich selbst ausrechnen, welche Schwemme es gibt, selbst dann, wenn nicht alle Jungtiere überleben.“
Rund 15.000 Katzen und Kater seien laut Fischer seit Bestehen des Heims 1990 bereits kastriert worden, davon etwa 3000 von Ruhlas Tierärztin Corinett Gössel. Die Kosten dafür deckt der Eisenacher Tierschutzverein mit Spenden. Mit dem Inkrafttreten der sogenannten Katzenschutzverordnung – eine Novelle des Tierschutzgesetzes § 13b, die den Kommunen zur Eindämmung der ungewollten Fortpflanzung zur Hand gegeben wurde – würden Katzenhalter verpflichtet, ihre Stubentiger mit Freigang zu kastrieren und zu kennzeichnen. „So könnte das Ausmaß der unkontrollierten Fortpflanzung minimiert und Katzenkrankheiten verringert werden“, stellt die Tierärztin fest. Die Kastration verhindert neben ungewollten Katzenkindern auch Revierkämpfe, Infektionskrankheiten und Entzündungen. Auf der anderen Seite befürchtet Gössel, ein großes Niemandsland mit Inkrafttreten der Verordnung. Würden Halter per Gesetz verpflichtet, Geld für Kastration und Kennzeichnung auszugeben, sinke vermutlich die Hilfsbereitschaft der tierlieben Anwohner, die sich seit Jahren an den Brennpunkten – etwa Alexander-Puschkin-
Straße, Bahnhofstraße und in den Kleingartenanlagen – ehrenamtlich um Streuner kümmern. Eine Verordnung würde gerade im ländlichen Bereich zufolge eher abschreckend wirken. Bisher hat sich die Ruhlaer Stadtverwaltung über die Katzenschutzverordnung noch keine Gedanken gemacht, gelobt wird von der Tierärztin der reibungslose Ablauf zwischen Gemeindeverwaltung, Tierheim und ihrer Praxis. Allen Widrigkeiten zum Trotz beobachtet Gössel außerdem eine Verbesserung der allgemeinen Situation: „Im Laufe der letzten 30 Jahre ist das Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Kastration von Hauskatzen deutlich gestiegen“, freut sich die Tierärztin. Dennoch begrüßt sie die Debatte um die Katzenschutzverordnung, denn damit bliebe der Appell an den verantwortungsvollen Katzenbesitzer wach. Kennzeichnen, Registrieren und Kastrieren ist deren Pflicht, um aus bisher etwa 2 Millionen Streunern in der Bundesrepublik nicht noch mehr werden zu lassen. Scheue Streuner sollten auch Corinett Gössel zufolge in ihrem angestammten Revier bleiben.     

skr/rz

 

Katzenschutzverordnung in Thüringen

Grundlage der Regelung ist Paragraph § 13b Tierschutzgesetz. Dieser ermächtigt die Kommunen, Städte und Gemeinden durch Rechtsverordnungen zum Schutz freilebender Katzen Gebiete festzulegen, in denen große Populationen mit erheblich leidenden Katzen leben. Darüber hinaus können Maßnahmen zur Verminderung der Anzahl dieser Katzen angeordnet werden. Gebrauch gemacht haben von der Katzenschutzverordnung in Thüringen bisher folgende Städte und Gemeinden: Altenburger Land (Landkreis mit 38 Gemeinden); Arnstadt; Eichsfeld (Landkreis mit 80 Gemeinden); Landkreis Erfurt; Jena; Schleusingen. Alle Städte und Landkreise beobachten deutlich rückläufige Populationszahlen, rapide sinkende Zahlen der zu vermittelnden Katzen und Kater in Tierheimen und erloschene Problemherde.

Quelle: Deutscher Tierschutzbund


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