Seebacher fordern Sicherung der medizinischen Versorgung

Am Montagabend (21. Januar 2019) hatten der Förderverein „Mein Seebach“ e.V. und der Bürgermeister der Gemeinde Seebach zu einer Informations- und Diskussionsveranstaltung ins Seebacher Klubhaus eingeladen.

Hier sollte in erster Linie die Meinung der Bevölkerung gefragt sein, zum anderen die der Dienstleister. Vorstände kassenärztlicher und kassenzahnärztlicher Vereinigungen aber auch Landes- und Lokalpolitiker waren eingeladen. Zudem hatten sich Ärzte und Therapeuten zu wichtigen Details geäußert. Wichtiges Ziel soll sein, den Rückgang der medizinischen Infrastruktur auf dem Land durch neue Ideen entgegenzuwirken und damit die Attraktivität des Landes weiter zu steigern. 

Zu der zukünftig erwartenden medizinischen Versorgungssituation sprach sich Landrat Reinhard Krebs (CDU) für eine dauerhafte Sicherung in diesem Bereich aus. Er gab zudem an, es sei eine Herausforderung nicht nur in Seebach, sondern im gesamten Wartburgkreis. Derzeit sei der Ärztebestand noch abgesichert, doch in fünf bis zehn Jahren könnte es in der Tatsache anders aussehen. Für ihn war es die zweite Veranstaltung dieser Art im Wartburgkreis. Wichtigste Voraussetzung für die Umsetzung einer adäquaten Lösung müsse zum Wohl der Bürger geschehen. Dr. Annette Rommel (Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen) (Foto rechts) äußerte sich auch zur bestehenden Problematik. Sie hat ihre Arztpraxis in Mechterstädt. Die Sicherstellung der ambulanten landärztlichen Versorgung müsse auf jeden Fall gesichert sein. Doch die Besetzung mit Ärzten sei nur begrenzt möglich. Laut Bedarfsplanung gäbe es nur 0,5 freie Arztstellen im hausärztlichen Bereich des Wartburgkreises. Dr. Karl-Friedrich Rommel (Vorsitzender der Vertreterversammlung der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung und Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung), zudem selbst Zahnarzt in Mechterstädt, erklärte den derzeitigen Bestand, dass 53 Zahnärzte im Umkreis von 12 km existieren und somit scheinbar eine gute Statistik aufweisen. Dr. Andreas Nagler, Zahnarzt in Seebach, befasste sich im Vorfeld mit einer Fallstudie, wie die Realität im Zahnarztalltag aussehe. Im Emse- und auch im Erbstromtal wurden zwei Zahnarztpraxen von 14 geschlossen, zwei weitere Praxisschließungen werden folgen. Acht der Zahnärzte seien älter als 60 Jahre, zwei jünger als 50. Da zeichnen sich für die Zukunft erkennbare Probleme ab. Dass die medizinische Versorgung auf dem Land scheinbar in naher Zukunft nicht wachsen werde erklärte Thomas Breitenbach, Geschäftsführer des St. Georg Klinikums Eisenach. Seit einiger Zeit gibt es das MVZ, ein Unternehmen des Eisenacher Klinikums, das in manchen Orten, wie beispielsweise in Ruhla, eingerichtet wurde. Man könne sich vorstellen, auch für Seebach ein entsprechendes Konzept zu finden. „Der Anker muss unmittelbar in der Region gelegt werden“, so Ruhlas Bürgermeister Dr. Gerald Slotosch.

Direkt vor Ort, wie beispielsweise an Schulen, sollte man im Rahmen von Berufsberatungen für Pflegeberufe oder Arzttätigkeiten handeln, um nachhaltig die medizinische Versorgung zu sichern. Derzeit gibt es in Ruhla noch Ärzte und Zahnärzte, doch langfristig stellt es auch hier ein Problem dar.
Was die MVZ, wovon zwei in Ruhla untergebracht sind, angeht, musste man hinnehmen, dass bereits mehrere Ärztewechsel hier erfolgten. Ziel sei unbedingt ein konstantes Dasein mit kurzen Wegen und Wartezeiten. Dr. Jens-Uwe Lipfert (Kreisstellenvorsitzender der Regionalstelle Eisenach) und selbst Arzt, schilderte die Situation der Übernahme der Thaler Praxis zu seiner bestehenden in Wutha-Farnroda. Mittlerweile sei man mit diesem Lösungskonzept auf einem guten Weg. Zudem engagiere er sich bei Vorlesungen an der Universitätsklinik in Jena, um Ärzte für den ländlichen Raum zu gewinnen. Zum Thema Pflege in Seebach informierte Birgit Böttinger (Pflegedienstleitung der Ökumenischen Sozialstation Seebach).Für etwa 250 Bürger sei man mit 50 Mitarbeitern im Erbstromtal tätig, das betreffe die 24-Stunden-Betreuung, das Betreute Wohnen im Pflegezentrum und die Lebenszeithäuser Am Petersberg in Seebach. Plätze für Kurzzeitpflege seien geplant. Einen großen Stellenwert nehme die Beratung ein. Personalmangel und damit weniger Zeit für den einzelnen Patienten ist zudem ein Fakt. Außerdem sprach sie sich für barrierefreien Wohnraum aus. Seit acht Jahren ist die Seebacher Ärztin Dr. Magdalena Günther auf der Suche nach einer Nachfolge für ihre Praxis. Doch bisher ohne Erfolg. Seit drei Jahren schon ist sie eigentlich in Rente, doch sie ist leidenschaftliche Ärztin und wollte weiter für die Seebacher Bürger da sein. „Bis ich achtzig bin, so lange sollte es dann doch nicht dauern“, so die Seebacher Ärztin.

 

Ob ein Konzept mit dem MVZ nun Trend oder eher eine Sackgasse sein könnte, machte Seebachs Bürgermeister Gerrit Häcker (Foto rechts) anhand einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zur Bevölkerungsentwicklung bis 2030 klar. Deutschland teile sich demografisch in Gewinner- und Verliererregionen, bei denen drei Städte in Thüringen und viele Landstriche zu den Gewinnern gehören, jedoch nicht der Wartburgkreis. Hier steht eher die Selbsthilfe auf dem Programm, um nicht irgendwann 20 bis 30 Kilometer Weg zum Arzt in Kauf nehmen zu müssen. Viel Zeit für eine Diskussionsrunde mit den Bürgern konnte an diesem Abend leider nicht stattfinden, da allein das Informieren zur medizinischen Versorgungslage im Vordergrund stand und dies den gesamten Abend in Anspruch nahm. Doch die Idee für ein Pilotprojekt, eine Bürgerstiftung „Land und Leben“, könnte eine Möglichkeit sein, eine sogenannte Non-Profit-Firma, die den Bürgern und der Kommune gehöre. Mit einer solchen Lösung zeigten sich auch die Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigungen und Landrat Reinhard Krebs (CDU) gut gestimmt. Der Landrat möchte gerne in einem Gespräch mit dem Seebacher Bürgermeister über Einzelheiten sprechen.     aki/rz

 

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