Vor 100 Jahren und danach – Erlebnisse von Otfried Blumenstein

Als Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener in der Weimarer Republik und dem „III. Reich“

Im November 1918 – vor 100 Jahren – endete der erste Weltkrieg, der gut vier Jahre dauerte und Millionen von Toten brachte. Zwar beseitigte er auch das Kaiserreich, aber die Folge waren Wirtschaftskrisen sowie soziale Unsicherheit. Für Deutschland kam es zusätzlich zum völligen Verlust des Gesparten, zu stark steigender Inflation, Hunger, Reparationen und vor allem zur Verletzung des Nationalstolzes. So war der Tag meiner Geburt am 10. Januar 1920 mit dem Inkrafttreten des Versailler Vertrages kein gutes Omen für mich und mein Leben.
Im Krieg, der am 2.8.1914 begann, hatten viele Soldaten im Schützengraben, darunter auch mein ältester Onkel – er gilt als Verschütteter – ihr Leben lassen müssen. Mein Vater blieb vom Fronteinsatz verschont, da er wegen seiner „Dürrheit“ nicht als Soldat eingezogen worden war. Er wurde als Zahlmeister in einem Lazarett im Osten bei Wilna eingesetzt. Seine Tochter Edith, die im November 1914 geboren wurde, sah er erst nach seiner Rückkehr. So musste er erleben, dass diese eines Tages meine Mutter fragte: „Wann geht denn der Mann wieder fort?!“ Das waren die ersten Zeichen der Kindheit zwischen den beiden Kriegen.

Meine Kindheit zwischen Arbeit und Spiel

Von der Hungersnot verspürte unsere Familie glücklicherweise nicht allzu viel, da meine Mutter die Tochter eines Kleinbauern in der Nähe von Weimar war und ihr jüngster Bruder sie und mich mit der Kutsche von Mellingen bei Weimar in den Ferien abholte. Die Mutter half vor allem in der Küche, ich, schon als kleiner Bub bei der Landarbeit. Es machte mir riesigen Spaß, mit dem Leiterwagen auf das Feld zu fahren, wo ich das gemähte Grünfutter zusammenrechte und bei der Getreideernte Strohseile für die Bündel flocht und legte. Im Herbst las ich fleißig mit Kartoffeln auf. Abends spielte ich dann mit der Dorfjugend Verstecken im Heu und im Stroh. Das bereitete mir noch mehr Spaß.
Besonders stolz war ich, wenn ich auf dem Hans, dem Pferd, einmal reiten durfte. Eines Tages fragte mich mein Großvater: „Willst du alles einmal erben?“ Meine Antwort: „Nein, weil es zu viel Arbeit macht!“
Nach Hause nahmen wir dann einen Koffer voller Lebensmittel (Wurst, Speck, Käse, Butter, vor allem aber Eier) mit. Mittags gabs dann überwiegend Rühreier. Eines Tages war es soweit. Ich übergab mich und konnte Rühr- und Spiegeleier überhaupt nicht mehr sehen. Meine Gestalt änderte sich völlig: Aus einem pausbäckigen Jungen wurde mit vier Jahren ein dürres Kind. Ich aß nur noch wenig, vor allem dünne Suppen, Kuchen, Bonbons. Das behinderte mich aber nicht bei der Freizeitbeschäftigung. Mit 4 bis 5 Jahren spielten wir, drei gleichaltrige Jungen und ich, Kriechlings um unser Haus und auch auf der benachbarten Wiese. Zäune gab es damals nicht. Eines Tages hatte ich die Idee, meinen Vater in der Schule zu besuchen. Dreckig und speckig wie wir waren, kreuzten wir am Kurhausplatz auf. Die Gardinenpredigt am Abend schien aber wenig Erfolg zu haben.
Eines Tages liefen wir Kinder, vorbei an den beiden mächtigen Ahornbäumen, hinab in die Stadt, diesmal ein Stückchen weiter zum Zimmerplatz. Wir zogen hier unsere Schuhe aus und steckten die Füße in den damals noch offenen Bermbach. Aus Übermut warf ich die Sandalen meiner jüngeren Nachbarin in den Bach, wo sie munter davon schwammen.
Größer geworden, verlegten wir unsere Spiele auf Schlothauers Wiese, die Knaudtstraße, heute „Am Stadtwald“, sowie den anschließenden Stadtwald, wo wir auf die Bäume und Büsche kletterten. So etwa mit 10 Jahren liefen wir weiter in den Wald hinein. Zum einen rannten wir mehrmals im Karacho durch die Pingen der einstigen Bergwerke, dann weiter bis zum Fichtenwald, wo wir uns im Bach des hier steilwandigen Klausborns Teiche bauten und Mühlen anfertigten. Weiter ging es zur Schwabewiese, wo die Älteren von 14 bis 15 Jahren mit selbstangefertigten Holzschilden Wurfbeile aus 20 m Entfernung auffingen und wir Kleineren zuschauten. Wir selbst fingen mit den gleichen Schilden Holzspeere aus 10 m Entfernung gleichermaßen auf. Wir liefen auch ein Stück weiter bis zur Klosterwiese, wo wir ein Zelt mit Rasenstücken bauten, wie wir es in den Indianerbüchern gelesen hatten.
Taschengeld bekam ich jedenfalls nicht. Ich erhielt einmal im Jahr zum Jahrmarkt, der erst an der Gottesgabe, dann an der Wiesenstraße stattfand, 10 Pfennig, wobei ich die Wahl hatte, mir davon ein Fischbrötchen oder einen Pfefferminzwürfel zu kaufen. Wir Kinder konnten aber durch freiwillige Arbeit etwas Geld verdienen, z.B. für ein Fahrrad. Nach kleinkindlichem Vierrad und einem Dreirad konnte ich mir mit 13 Jahren für 80 Reichsmark ein Fahrrad kaufen. Es hatte keine Gänge, aber war höchste deutsche Wertarbeit, so dass ich später damit Fahrten an den Rhein, nach Hamburg, Kiel, Lübeck wie nach Dresden unternehmen und nach dem Krieg auch zum Pilzesuchen in die Wälder fahren konnte.

Die Jugend zwischen Abenteuern und Idolen der Nazizeit

Mit 13 Jahren (1933) traten wir dann freiwillig dem „Jungvolk“ bei. Uns gefielen die Kampfspiele im Wald und vor allen Dingen die Fahrten (Wanderungen) am Wochenende mit Übernachtungen im Zelt – Höhepunkt war dabei das abendliche Lagerfeuer. Unsere „Führer“ dabei waren drei bis fünf Jahre älter. Sie waren ursprünglich bei den Wandervögeln (Adler und Falken, DJ1.11) gewesen, die Hitler verboten hatte. Mittwochs hörten wir im „Heimabend“ von den Heldentaten der Germanen und auch über das vermeintlich vorbildliche Leben des „Führers“, der sein Leben (geboren in Österreich) vollkommen für uns opfern würde. Auch die Propagandaartikel in Presse und Rundfunk, raffiniert durch Göbbels inszeniert, hämmerten dies immer und immer wieder in unsere Köpfe ein. Hitler wurde für uns Jugendliche DER Idealmensch, dem es nachzueifern galt. Die dicken Parteibonzen mit den silbernen Ärmelaufschlägen gefielen uns gar nicht – das waren für uns Spießbürger. Dasselbe galt auch für die SA-Reserve mit unserem Direktor an der Spitze. Die mit uns gleichaltrigen Jugendlichen der „Hitlerjugend“ verachteten wir, weil sie rauchten und Alkohol tranken. Vorbilder waren für uns unsere Stamm- und Jungbannführer, die wie wir nur kurze schwarze Hosen trugen – erst viel später begriffen wir, dass das alles der Vorbereitung auf den Einsatz beim Militär diente.
Ab 1935 war der Samstag jetzt schulfrei. Auf dem Sportplatz Mittelwiese kämpften alle 10er-Gruppen Ruhlas, die sogenannten „Jungenschaften“, im fairen Dreikampf gegeneinander, organisiert alles ohne Erwachsene. Zum Abschluss gab es einen Wettlauf von 400 m bis 3.000 m, meist 1.000 m, wobei ich stets, nur um Brustbreite geschlagen, Zweiter wurde. Wir steigerten uns zu immer besseren Zeiten. Der Lohn waren 1938 die Teilnahme und die Erfolge bei den Deutschen Jugendmeisterschaften. Ruhla erlangte je einen ersten Platz bei der A-Jugend, K. Rauch im Stabhochsprung, und bei der B-Jugend Wolfgang Klinzing im 1.000 m - Lauf. Ich selbst aber war bereits zum vorgezogenen Wehrdienst.

Eine andere Schule in den 1920er Jahren

Das Leben in der Freizeit, in Kindheit und früher Jugend, brachte nach meinen Vorstellungen fast die Erfüllung meiner Wünsche. Auch in der Schule gefiel es mir recht gut, zumal auch in Ruhla nahezu Idealzustände, bedingt durch eine fortschrittliche Lehrerschaft, herrschten. Schon 1921 erfolgt nach der Vereinigung der beiden politisch getrennten Ortsteile auch der Gesamtzusammenschluss der Schule zur „Einheitsschule“, woran auch mein Vater und der junge Theodor Neubauer mitwirkten. Der Unterricht wurde nach den Grundsätzen von Johann Amos Comenius („Vom Nahen zum Fernen“) und Johann Heinrich Pestalozzi („Durch Selbsttätigkeit zur Selbständigkeit“) gestaltet. Basis hierfür waren die Schriften des Leipziger Lehrervereins, vor allem von Hugo Gaudig. Demnach gab es obligatorische Wanderungen: Klasse 1 zu Rathaus und Post, Klasse 2 zur Thaler Tropfsteinhöhle, Klasse 3 über Rennsteig und durch die Drachenschlucht zur Wartburg, Klasse 4 mit Fahrt nach Weimar ins Goethemuseum und Museum für Urgeschichte.
Es gab viel praktisches Lernen mit Werkunterricht und verschiedenen Materialien und Werkzeugen (Plastilin, Laubsäge) sowie mit Schulgartenarbeiten, Wegerechen, dazu freiwillig Anbringen von Wegeschildern und Aufstellen von Bänken im Wald. Im Unterricht auch Sandkastenarbeiten für die Heimatkunde.
Die Ruhlaer Realschule, die ich ab Klasse 5 besuchte, hinkte mit den Lehrplänen nach, weshalb ich ab Klasse 9 zur Abbe-Schule nach Eisenach wechselte und zunächst als Beisitzer auf dem Motorrad meines Schulkameraden Eschner, dann im „Hippodrom“ (Auto) des Parallelklässlers Apel zur Schule gelangte.

Kindheit zwischen technischem Fortschritt und Toilette über den Hof

Zu meiner Kindheit wurde in Ruhla noch meist in einstöckigen Häuschen gewohnt, z.T. noch mit Toilette „über den Hof“. Innentoiletten hatten nur die Villen und villenartigen Häuser. Technisch betrachtet, löste etwa 1924/25 die Elektrotechnik das Gas als Beleuchtung in den meisten Haushalten ab. Geheizt und gekocht wurde noch mit Holz, später mit Kohle. Zentralheizung hatten nur die Villen und neuen Schulen. Wir Kinder mussten mit den Eltern Jahr für Jahr zum Holzsammeln mit dem Handwagen in den Wald und auch zum Heidelbeer- und Himbeersammeln. Es gab 81 Läden, wobei die meisten nur „Lädchen“ waren. Zu den in der Ruhlaer Zeitung vom 27.7.2018 genannten Gaststätten kommen noch drei Hotels – das Hotel Bellevue, das Hotel Kaiserhof und die Harmonie – hinzu.
Telefon hatten nur wenige, vor allem Geschäftsleute und Villenbesitzer. Autos besaßen in den 1930iger Jahren einzig in Ruhla der Arzt Dr. Fuge und der Fabrikbesitzer Apel. Sie waren klapprige, hohe und schmale Blechkästen, die wir spöttisch „Hippodrome“ nannten. Mit schmuckem Mercedes fuhr nur der Thaler Direktor Höfig von Thiel und Schuchardt.

Die Jugend zwischen offizieller „Gleichschaltung“ und „eigener Meinung“

Zeitungen gab es in Ruhla als „Ruhlaer Zeitung“, daneben die Eisenacher „Tagespost“. Nach 1933, als die Presse „gleichgeschaltet“ war, gab es noch den „Völkischen Beobachter“, das Zentralorgan der NSDAP, das alle Staatsangestellten lesen mussten. Und „Der Stürmer“, eine berüchtigte Zeitung die zwar bei den Menschen unbeliebt war, wurde doch zu einem Presseorgan, das systematisch nur Negatives über alle Juden verbreitete, so dass die Juden als „anders“ angesehen wurden. Ich selbst ging als Kind zum jüdischen Zahnarzt Dr. Pelzer, den ich als ganz normal empfand. Mit 10 Jahren besuchte ich die gleichaltrige Tochter vom Arzt Dr. Pott, der in unserer Nähe wohnte. Die Juden waren nach 1933 aus Ruhla verschwunden – es hieß, sie seien „weg“, nach England und den USA – erst viel später erfuhren wir von den Verbrechen und grausamen Schicksalen mancher Familien aus Ruhla.
Am Boykott jüdischer Literatur und jüdischer Musik beteiligten wir uns persönlich nicht. Das Buch „Die Buddenbrocks“ blieb an der gleichen Stelle im Bücherschrank, die Gedichte von Heinrich Heine und die Musikstücke von Felix Mendelssohn-Bartholdy und anderen jüdischen Musikern spielten wir weiter auf dem Klavier und ich empfand das als wundervoll.
Fernsehen und auch Radios gab es vor 1933 überhaupt noch nicht. Radios als sogenannte Volksempfänger wurden dann massenweise produziert. Auf ihnen konnten nur deutsche Sender gehört werden. Mein Vater allerdings, der schon zur Kaiserzeit im Ausland gewesen war (Frankreich/Türkei) wollte auch ausländische Sender hören. Wir hatten einen Apparat, der auch Kurzwellen empfing. Auf ihm hörten wir den Schweizer Sender „Beromünster“. Im Krieg war dies zwar verboten, aber mein Vater hörte ihn weiterhin – auch ich, wenn ich Zeit hatte. Allerdings hörten wir überhaupt nichts über KZ`s und Judenverfolgung.
Nach 1933 wurden Ruhlaer Kommunisten in den Buchenwald „abgeholt“. Nach einiger Zeit kamen meines Erachtens alle zurück. Bei mir in der Nähe wohnte Karl Pascher: ich sah mir ihn an und entdeckte nichts Besonderes. So glaubte ich, er sei „umerzogen“ worden.

Auf dem Weg zur Verantwortung

Persönlich betrachtet, hatte ich mich von einem unbekümmerten Schulkind nach der Konfirmation, die wir gegen den Widerstand des Pfarrers mit kurzen Hosen der Jungvolk-Uniform absolviert hatten, zu einer verantwortungsbewussten Person entwickelt. Durch den Weggang von Otto Große hatte ich als Ältester seine „Jungenschaft“ mit 14 Jahren übernehmen müssen, dann mit 16 bis 17 Jahren den Jungzug von „Wissi“. Da hatte ich nun die Verantwortung für 10 bzw. für 30 Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren, besonders an Wochenenden auf „Fahrten“ (Wanderungen bzw. Zeltlagern). Ich nahm sie voll und ganz wahr. Während die gleichaltrigen Jungen sich nach und nach eine „Freundin“ angeschafft hatten, mit der sie abends von der „Traube“ zum Bahnhof patrouillierten, hatte ich zunächst dazu überhaupt kein Interesse. Mein Freund „Ente“, Hans Stein aus der „Traube“, redete mir immer wieder zu, bis ich mich endlich bereit erklärte. So traf ich mich mit 17 Jahren am 1. Mai 1937, pünktlich 17.00 Uhr an der Kirche mit der mir bisher völlig unbekannten ein Jahr jüngeren Hanna Steinmann aus der Forststraße. Auch wir liefen nun den gleichen Weg, dann weiter hinauf zur Spritzenuhr, wo sie sich am Feiertag mit ihren Eltern traf. Ab jetzt trafen wir uns täglich 20 Uhr, begannen dieselbe Tour, die dann oben am „Iserain“, in der Forststraße gegen 22 Uhr endete. Schnell eilte ich zurück, denn ich wollte und sollte pünktlich 22 Uhr zu Hause sein. In unseren sehr intensiven Gesprächen hatten wir schnell herausgefunden, dass unsere Vorstellungen völlig gleich waren, sowohl über das Leben, dessen Sinn, ja auch über Kunst und Kultur.
Sie war eine begeisterte Schwimmerin. Mittags eilte sie, schon den Badeanzug unter der Kleidung, schnell nach Hause, sprang in Mauls Teich und schwamm den Kopf tief im Wasser, ein paar Runden. Im Schwimmbad hielt sie dem Tempo der schnellsten Jungen spielend mit.

Die Liebe stand über dem Krieg

Hanna hatte, wie die meisten ihrer Mitschüler, „nur“ die achtklassige Volksschule besucht, war an allem, was in der Welt passiert, interessiert und so „gebildet“, dass zwischen uns kein Unterschied bestand.  Als Kind hatte sie sich Lesen und Schreiben fast selbständig beigebracht. Inzwischen hatte sie die Lehre als Büroangestellte fast abgeschlossen. Beginnen sollte sie bei Firma Erk. Der dortige Bürochef behandelte sie hochnäsig und herabwürdigend, so dass sie das Büro mittags verließ und sich selbständig eine neue Lehrstelle suchte, die sie prompt auch bei Gebrüder Ziegler fand. Ihre Eltern waren zunächst sprachlos, willigten dann aber ein. In der Berufsschule konnte sie dann schon nach einem Jahr in die nächsthöhere Klasse aufsteigen, wo sie mit den mir gleichaltrigen Einjährigen gut mithielt – bei dem Thüringer Berufsschulwettkampf wurde sie Erste, worauf Kommerzienrat Dr. Thiel versuchte, sie abzuwerben, was sie aber ablehnte.
Übrigens konnte sie in „Satzbildern“ lesen. Das ging ungemein schnell. Sie verschlang die Bücher – meist Menschenschicksale. Außerdem hatte sie in ihrer frühen Jugend das Gefühl, selbst schreiben zu müssen. Seit unserem Getrenntsein, schon nach 10 Monaten, vertraute sie mir all ihre Gefühle in Briefen an. Daraus wurden im Krieg tägliche Briefe, die ich immer bei mir trug, ohne sie hätte ich den Krieg nicht überstanden, ich wäre nervlich zusammengebrochen. Sie blieben nach ihrem Willen ein Geheimnis zwischen uns beiden. Ich habe sie alle verbrannt.
Die Liebe stand und steht immer über dem Krieg.

Überleben mit eisernem Willen und Kameradschaft

Mit dem Abstand von über sieben Jahrzehnten schaue ich heute auf die Zeit als junger Erwachsener in Wehrdienst und Krieg zurück. Meine Berater, vor allem Eberhard Schramm, rieten mir damals, den Wehrdienst vor dem Studium zu absolvieren. Man müsse „den eigenen Verstand“ abschalten, um durchhalten zu können. Dort beim Militär hieß es dann: „Schalten Sie Ihre Gedanken ab – denken können die Pferde, die haben einen größeren Kopf“. Wir wurden beschimpft, erniedrigt, mussten jeden Höhergradigen auch die Oberfunker grüßen, ganz gleich wo, dazu mussten wir bei ihrem Zigarettenanzünden mit einen glimmenden Streichholz bereit stehen, beim Stubengefreiten gleich alle 10 Mann. Im Kriegseinsatz und schon als Rekrut in der Tschechei waren wir dann plötzlich gleich verantwortlich, aber seltsamerweise klappte das auch. Ich habe mich in mich selbst zurückgezogen. Ich rauchte nicht, so wie nur drei andere Mann der Kompanie. Ich trank keinen Tropfen Alkohol und spielte auch nicht mit den anderen 47.11 – ein Glücksspiel, Skat oder Schach. Bei Hilfsleistungen wie Antennenaufstellen, Essenholen für den Trupp oder Kanisterschleppen war ich dabei, aber mehr nicht. Viele meiner Kameraden mit gleichem Dienstalter wurden befördert – ich nicht, was mir aber recht war: Ich wollte nur eins, nämlich gesund nach Hause zurückkehren. Alle respektierten das und ließen mich in Ruhe, vor allem dann später, als Ober- und Stabsgefreiter. Nur mit unserem Spieß, dem Hauptwachtmeister, hatte ich von Anfang an fast ein eisiges Verhältnis: Dass ich nicht rauchte, nicht trank, Spaß am Laufen hatte, das konnte er nicht begreifen, vor allem auch, dass ich immer wieder Briefe bekam. Die Abneigung von ihm, indessen zum Kompaniechef und Hauptmann avanciert, gipfelte darin, dass er mir den schon genehmigten Studienurlaub für zwei Semester vermasselte, was für mich im Unterbewusstsein ein Alptraum war – noch jetzt träume ich manchmal davon, beim Kommiss gefangen zu sein und nie wieder nach Hause zurückkehren zu dürfen.
Allerdings war im Krieg die Kompanie sozusagen „zweite Heimat“ gewesen, die mich mit Essen und Trinken versorgte, auch mit einer Schlafstelle. Sie bot mir Sicherheit vor den Häschern der Militärpolizei, von uns „Heldenklau“ genannt, und dann war ja auch der Divisionskommandeur in der Nähe, der wie ein Vater um unsere Sicherheit besorgt war, wobei der letzte von ihnen, Dr. Mauss, in weiser Voraussicht unseren letzten Stützpunkt ausgesucht und das „Wunder von Oxhöft“ eingeleitet hatte, die heimliche Räumung von 8.000 Mann in einer einzigen Nacht vom 4. zum 5. April 1945. So habe auch ich überlebt und kam gesund wieder nach Ruhla.

Schlusswort

Von meiner Kindheit bis in mein junges Erwachsenenalter mit 25 Jahren lebte ich in Zeiten der Nachwehen des 1. Weltkrieges und der Auswirkungen des 2. Weltkrieges. Zwei Weltkriege hatten mit Hass und Gewalt, viel Not und Leid über die Völker gebracht. Mit Liebe und Willen sowie mit Disziplin und Kameradschaft habe ich selbst überleben können. Viele aber hatten nicht das Glück und kamen nicht zurück. Das war und ist mir eine Mahnung. Nach dem Krieg wurde ich Neulehrer und durfte über vier Jahrzehnte junge Menschen in Sport und Geographie unterrichten – was ich gerne und mit ganzer Kraft tat. Meine Reisen führten mich in über 80 Länder der Erde, zeigten mir die Natur und die Landschaften, die Kulturen und die Entwicklungen dieser Welt. Wir haben nur diese eine. Und immer noch gibt es Konflikte und Kriege.
In Europa haben wir jetzt seit fast 75 Jahren Frieden. Deutschland und Frankreich sind endlich versöhnt. Trotz mancher Mängel und Ungerechtigkeiten heutzutage müssen und wollen wir für diesen Frieden dankbar sein.

Otfried Blumenstein, letzter Beitrag vom 9.11.2018


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